Heimtücke

Anna : Bis zun heintign Tag nicht darzue glearnt! Ih kann bei dia Jahrgangstreffen
des Gred oft nit hearn; alls lei schia redn oder frisch gar nicht mieh wissen wellen.
Anna Chriselda: Es ist sehr interessant Sie zu treffen. Ich rede schon lange Zeit nicht
mehr darüber. Ich habe mich zurückgezogen, bin eine Einzelgängerin geworden.

Anna: Hearawarts red ih ouh nit oft, aber wenn’s sein mueß, laß ih mir vo niemed
’s Maul verbietn. Wenne sein sie eigsperrt gwoarn?

Anna Chriselda: An einem merkwürdigen Datum, am 11.11.1941, Faschingsbeginn!
Leider war es kein Scherz. Ich war 23 Jahre alt, junge Lehrerin im Pitztal. Bereits
bevor ich diese Stelle angetreten habe, hieß es: „Dia schwarze Katz wearn mir bald
außn Tal auße jagn.“ Plötzlich waren Menschen, die vorher kein Gewicht hatten,
treue Diener des Regimes. Zuerst kam ich in die Untersuchungshaft nach Innsbruck.

Anna: Warum?

Anna Chriselda: Anfang November übernahm ich den Aushilfsdienst. Das Klassenzimmer
war voll mit Zeitungsausschnitten beklebt. Ein Bild der Feldherrnhalle von
München mit den Namen der 16 Gefallenen des Novemberputsches von 1923 wurde
mir zum Verhängnis. Ich nahm es nämlich ab und sagte dabei: „Was habts ejs da fiar
Fetzn hängen?“ Ein Transparent mit der Aufschrift > Deutschland muss siegen <,
das Führerbild und die anderen Bilder ließ ich hängen. Die Abnahme war ein Verstoß
gegen das Heimtückegesetz. Heimtückisch wurde man hinein verwickelt.

Anna: Aber wer hat sie denn ouzoagt?

Anna Chriselda: Ein Vater von 9 Kindern, der durch das Hitlerregime hochkam und
Hauswart in der Schule wurde, erzählte es am selben Abend weiter. 11 Kinder, davon
4 seiner Kinder, wurden einzeln vernommen und sagten, dass ich den Hitlergruß
nicht erwidert habe. Der Postenkommandant hat nicht nur das Protokoll aufgenommen;
er schrieb aus lauter Eifer und Fleiß in Klammer seine Version des
Geschehens hinzu. Plötzlich soll ich alle Bilder, einschließlich des Führerbildes,
heruntergerissen haben. Das genügte für meine Verurteilung

Anna: Fellig nit zun gloubm! Bin ih froah, dass ih det schue nimme dagwesn bin.

Anna Chriselda: Wo haben Sie diese Zeit erlebt?

Anna : 1917 bin ih auf d’ Walt kemen, an uafachs Bauernmadl. Ih bin schue friah auf
St. Anton in Dienscht kemen. Noble Leit sein da ein und aus gangen. Gahling hat
mih a holländisches Paar gfragt, ob ih ihnene Kindermadl wearn mecht. Mei, hat d’
Mueter pleart, wie ih’s darhuem gsejt han. „Laß se, bei ins da kimmpt eh nichts
Gscheids!“, isch ’s Kommentar von Vater gwesn.
Anna Chriselda: Das war ein kluger Mann. Ich wurde auch früh hellhörig. Ein Priester
machte mich auf die Schriften des Graf von Galen aufmerksam. Als ich das vom unwerten
Leben las, war ich entsetzt. Schon 1938 verweigerte ich den Beitritt zur Partei.
Ich übernahm keine BDM (Bund deutscher Mädchen) Gruppe, obwohl ich im Ötztal Jungscharführerin war.

Anna: Dejs weard kue guets Liecht auf sie gworfn habm.

Anna Chriselda: Nein, aber durch mein Wissen ergaben sich Konsequenzen.
In meiner ersten Woche im Pitztal schickte ich ein behindertes Mädchen durch die
Hintertüre nach Hause. Ich sah den Krankenwagen kommen.

Anna: Sein sie noche decht lei wegn >dia Fetzn oche reißn < eigsperrt gwoarn?

Anna Chriselda: Vordergründig ja, denn dies konnte man mir beweisen. Das
Vorhaben mit den behinderten Kindern wollte man noch vertuschen.

Anna: Iats versteah ih earsch, was >heimtückisch < hoaßt.

Anna Chriselda: Wie ist es bei Ihnen weitergegangen?

Anna: Amsterdam isch fiar mih wie die groaße, weite Walt gwesn. Meine Dienschtgeber
habm mih oardntlig behandlt. Earsch viel spater han ih verstandn, dass se
Judn gwesn sein. Asiamol habm se mir i(d)er Kuche in deitschn Sender eigschaltn.
In Langes 1938 hear ih in Hilter außeschreien: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“. Mir
isch fascht ’s Herz stiahn bliebm. Zacher aus Wuet sein mir ochegrunnen. Iats
geahts los, han ih mir denkt. Ih han den Lautsprecher packt und ochegschmissn.

Anna Chriselda: Sie waren aber ganz schön mutig.

Anna: Dejs kann ma wirklig sagn.

Anna Chriselda: Was sagte Ihre Herrschaft zu diesem Vorfall?

Anna: Der Hausherr hat lei in Kopf gschittlt. Mir isch viarkemen, dass er a Lachelen
verbeißn hat miaßn . Ih han lei nouh gsejt: „ Sie brauchn mir kuen sellen Sender
mieh eischaltn und ruijen tuets mih ouh nit!“. Ob mih meine Dienschtgeber lei ausprobiern
habm wellen, woaß ih bis hein nit.

Anna Chriselda: Mussten Sie, nachdem Hitler in Österreich einmarschiert war und
Deutschland und Österreich vereint wurden auch dort zur Abstimmung gehen?
Anna: Freilig, glei amol han ih in Befehl darzue kriegt. Taglang han ih betet, dass ih
der Abstimmung auskimm. Mit’n schiaschtn Dirndlgwand ou und ar Gretlfrisur au bin
ih mit alls Deitsche bis zur deitschn Grenz gfahrn. Ih zoag mein Paß. „Nein, Sie sind
beim österreichischen Wahllokal zuständig. Ob ich Begleitung benötige?“, fragt mih
der Beamte. „Na!“, ih auße bein Loch und durch. Hoffentlig siecht mih iats niemed.
Um viel Gald hat ih dejs Kreizl fiarn Hitler nit gmacht.

Anna Chriselda: Ja, wir alle mussten uns entscheiden, wenn wir nicht opportun sein
wollten. Es gab ja genug, deren Fahnen sich nach dem Wind drehten. Über Nacht
war ja alles da, die Hakenkreuzfahnen, die roten Binden, die braunen Uniformen.
Die niedrigsten Instinkte wurden mobilisiert. Nicht einmal bei den eigenen Leuten
konnte man wissen, wie jemand eingestellt war.
Für mich waren die Kinder wichtig. Damals galt : > Nur wer der Stärkere ist, hat
Macht.< Ich aber wollte andere Werte aufzeigen, das Religiöse nicht verkümmern
lassen.

Anna: Meine Dienschtgeber habm sig ouh nach ihrer Religion grichtet. Gahling hat
ma se lei mieh flüschtern kheart. Auf uamol hat der Hausherr zu mir gsejt: „Anna, wir
müssen flüchten. Sie wissen schon warum. Bitte, fahren Sie heim.“

Anna Chriselda: Wussten Sie, warum?

Anna: Ja. Hein stellts mir nouh die Gäns au, wenn ih drou denk. In Silvesterabnd
1940 han ih an einschneidets Erlebnis kejt: Wie ih Aufnabmd bein Wasser nouh a
bißl spaziern gangen bin, bleibt mir fellig der Atm stiehn. Ih siech, wie Manderleit mit
Hacknkreizbindn an zommbunden Mannets ins Wasser schmeißn. Den Schroa vo
den wear ih mei Lebtig nit vergessn. Hinter mir hear ih sagn:“Das war sicher ein
Jude!“ So han ih mir leicht zommdereimt, warum meine Dienschtgeber giahn habm
wellen. Mit uan uanzign Kufer sein sie vo ihnenen ganzn Besitz durch.

Anna Chirselda: Was haben Sie dann gemacht?

Anna: Ih han in Holland die deitsche Staatsbürgerschaft nit ougnoumen. Die
holländische Staatsbürgerschaft han ih nit kriegt. Aso bin ih staatnlos gwesn. Die
Folgn darvou han ih det nouh nit begriffn. Wenn ih dejs hein siech, bin ih mit uan
Fueß alm in KZ gwesn. Mit’n Zug bin ih schwarz bis Saarbrückn kemen. Und nache
bin ih meahrer oder wieniger z’Fueß auf Tirol zrugg. Die nagschtn zwoa Jahr tat ih in
liebschtn aus mein Lebm streichn. Staatenlos! Zwangsarbeiterin im oagenen Land.

Anna Chriselda: Wie war das möglich?

Anna: Ih han miaßn zun Arbetsamt giahn. Obwohl ih in gleichn Dialekt wie der
Beamte gredt han, bin ih zu zwoa Jahr Zwangsarbet verurteilt gwoarn. In earschtn
Jahr bin ih in mittlern Ötzal in an bekanntn Gaschthaus als Kindermadl zugwiesn
woarn. Ih hat sellen mit’n Hitlergrueß die Kinder griaßn, und Aufnabmd hat ih nit amol
mitene auf d’ Nacht betn darfn. Ih han uafach zur Chefin gsejt : „ Wissns, ih han
schue meahrer gsehchn und kheart aswie Sie. Dejs Reich weard nit alt. Solang ih bei
enk bin, wearn die Kinder da nit eichezouchn!“ Lei, weil mih die Kinder gearn gmegt
habm, han ih bleibm kennen. Die Chefin hat halt alm gsejt: „ Die Anna isch i(d)er
Fremde verdorbm gwoarn.“ Wia der Gauleiter Hofer durchs Ötztal gfahrn isch, han ih
sogar die Fahne verkeahrt bein Fenschter außekhängt.

Anna Chriselda: Sie hatten aber Glück. Hätte man Sie verraten, wären wir zwei uns
vermutlich vor 65 Jahren in der Untersuchungshaft begegnet.

Anna: Dejs kannt leicht sein. Gott sei Dank isch der Chef lei nach außn Nazi gwesn.
Nachn Krieg hat sei Frau an Nervnzammenbruch kejt, weil se sigs darnach nimme
dertoalt hat, und isch in d’ Nervnheilanstalt nach Hall kemen.

Anna Chriselda: Da ist bei dieser Frau wirklich eine Welt zusammengebrochen.

Anna: Iats mueß ih decht nouh amol nachfragn, ob dejs am Gloubm feschthaltn bei
die Nazi wirklig a selle groaße Rolle gspielt hat?

Anna Chriselda: Vor dem Sondergericht des Kriegsgerichtes sagte man zu mir: „Ein
junger Mensch, der so aufstrebend wie Sie ist, wie kann der an der Religion
festhalten? Noch dulden wir euch. Nach dem Krieg hauen wir euch unter den Tisch.
Und übrigens, Menschen mit einer politischen Strafe haben keine Überlebenschance.
Oder möchten Sie als Sklavin in die Ukraine gehen? Wir wollen reinrassig
sein. Ihr Blut ist zwar reinrassig, aber Ihr Geist geht nicht konform.“
Das heruntergerissene Bild in der Klasse hatte schon längst im Prozess keine
Bedeutung mehr. Hätte ich nur ein einziges Mal gesagt, dass ich der Religion den
Rücken kehre, hätten Sie mich laufen lassen.

Anna: Hat ihnene die Amtskirche fiar dia Treue dankt?

Anna Chriselda: Nein. Von der Kirche bekam ich weder vorher noch nachher eine
Hilfe. Vielmehr mieden mich die LehrerkollegInnen, als ich 1942 durch günstige
Umstände dem Gefängnis entkam. Man hätte sie ja als >Schwarze< bezeichnen
können. Sie hatten alle Angst. Nur noch ein Lehrer und ich wurden in Tirol fristlos
entlassen. Erst 1946 bekam ich im Ötztal durch das weite Herz eines Bürgermeisters
wieder eine Anstellung als Religionslehrerin.

Anna: Und wia lang sein sie eigsperrt gwesn? Und wia sein sie darvou kemen?

Anna Chriselda: Ein halbes Jahr erfuhr ich im Gefängnis nichts. Ein Richter sagte
ganz nebenbei zu mir: „ Ihr Akt liegt im Sondergericht in Berlin.“ So wusste ich, dass
ich noch existiere. Einmal hörte ich im Vorraum die Stimme meiner Mutter. Mir klopfte
das Herz. Ich hüpfte hoch, wollte meine Hand emporheben. Jedoch es gelang nicht.
Ich hörte sie weinend gehen. Am Sonntag kamen Nazifrauen und begafften uns.
Fleischbeschau nannten sie es. Warum ist ihnen zum weinen ?
Anna: Mir isch grad eigfallen, wie schlecht mih in zwoatn Jahr vo meir Zwangsarbet a
Nazichefin in St. Anton behandlt hat.

Anna Chriselda: Ja, viele Frauen waren und sind auch heute noch beinharte Systemerhalterinnen.
Wer nach oben >bucklt< tritt meistens nach unten.

Anna: Dejs han ih det derlebt. Sie hat mih fellig verhungern lassn. Lei weil ih jung
und schia gwesn bin, hat se mih voar uan Obern Nazi als Hur heagschtellt. Da han ih
gschriern: „ Oh wenn ih da als Zwangsarbeiterin arbetn mueß, bin ih decht a Frau
und lass mir nit mein Ruef hinmachn!“. Dejs hat kennen blejd ausgiahn. Aber dear
Obere hat mir sei Kartl gebm und gsejt, dass ih schnell verschwindn sell und mih auf
ihn beruefn kann.

Anna Chriselda: Ja, wer am Throne sitzt, kann leicht gnädig sein, für Sie ein Glück.
Ich kam auf Bewährung in eine Munitionsfabrik nach München. Ein Fliegerangriff ließ
mich in den Akten verschwinden. Ich flüchtete. Als ich heimkam, war meine Mutter
bereits tot. Ein heimtückisches Leiden hat ihr das Herz gebrochen.
Anna: Und ih bin huem. Han glei amol drau kheiratet und bin so unterdertaucht. Ja
inser Herz hat ouh an Sprung darvou tragn.

Annemarie Regensburger

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